Grusswort

Mario Vargas Llosa

Veröffentlicht am 22. März 2013
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Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger ,
ehemaliger Präsidentschaftskandidat in Peru,
Ehren-Vorsitzender des Liberalen Netzwerkes RELIAL
in Lateinamerika
Mario Vargas Llosa (rechts) im Dialog mit
Dr. Wolfgang Gerhardt auf dem RELIAL-Kongress
in Caracas, Venezuela, 2000

grusswort


Bekenntnisse eines Liberalen, von Mario Vargas Llosa
Ihnen meine politische Einstellung zu erklären, das ist gar nicht einfach. Ich fürchte, es reicht nicht, nur zu betonen, dass ich ein Liberaler bin – klüger wäre auch zu sagen, „ich glaube, dass ich das bin“ – ein Liberaler. Schon der Begriff birgt ja die erste Schwierigkeit. Denn wie Sie gut wissen, meint „liberal“ ganz verschiedene und einander in Spannung verbundene Dinge. Gegensätze unter Liberalen sind gesund und hilfreich, weil sie die Grundkonzepte des Liberalismus, die politische Demokratie, die Marktwirtschaft und die Verteidigung des Individuums gegenüber dem Staat nicht in Frage stellen.
Nun, der Liberale, der ich zu sein versuche, glaubt, dass die Freiheit das höchste Gut ist. Die Fundamente der Freiheit sind das Privateigentum und der Rechtsstaat, also das System, das die geringstmögliche Ungerechtigkeit schafft, das materiellen und kulturellen Fortschritt hervorbringt, das die Gewalt am besten eindämmt und die Menschenrechte am wirksamsten achtet. In diesem Verständnis des Liberalismus gibt es eine einzige Freiheit, und die politische und die wirtschaftliche Freiheit sind nicht voneinander zu trennen.
Politische Demokratie und freie Märkte sind zwei Grundpfeiler einer liberalen Haltung. Aber so formuliert haben beide Konzepte etwas Abstraktes und Rechnerisches, was sie von der alltäglichen Erfahrung der Bürger entfernt. Liberalismus ist mehr, viel mehr als das. In erste Linie geht es ihm um Toleranz und Respekt anderen, vor allem denjenigen gegenüber, die anders denken als wir selbst, die andere Sitten pflegen, einen anderen Gott verehren. Das Zusammenleben mit Menschen zu akzeptieren, die anders sind, war der bedeutendste Schritt, den die Menschheit auf dem Wege der Zivilisation getan hat; es ist dies eine Geisteshaltung oder Bereitschaft, die der Demokratie vorausging, sie ermöglichte und die dazu beigetragen hat, die Gewalt in den menschlichen Beziehungen einzudämmen. Das hat dieses natürliche Misstrauen gegenüber der Macht wachgerufen, das für uns Liberale unsere zweite Natur ist.
Man kann auf Macht nicht verzichten, das ist klar. Aber man kann sie begrenzen und ihr Gegengewichte schaffen, damit sie sich nicht zu sehr ausdehnt und das Individuum überfährt, diese Person, die wir Liberale als den Eckstein der Gesellschaft sehen und dessen Rechte geachtet und garantiert werden müssen. < Denn wenn sie missachtet werden, löst das eine Kette weiteren Missbrauchs aus.> Der Schutz des Einzelnen ist die natürliche Konsequenz der Auffassung, dass die Freiheit der individuelle und gesellschaftliche Wert par excellence ist.

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