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Rolf Berndt: „Freiheit muss gelebt werden.“

Veröffentlicht am 1. August 2013
Foto Rolf Berndt

Dr. Rolf Berndt ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Wenn man auf 50 Jahre Auslandsarbeit der Stiftung für die Freiheit blickt: Welches Resumée würden Sie ziehen? Hat sich die Arbeit gelohnt – für die Stiftung, für Deutschland, für die Sache der Freiheit?

Unsere Stiftung setzt sich weltweit für Freiheit, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und nicht zuletzt Toleranz ein. Für diese Ziele konnten wir in 50 Jahren über 800 Partnerorganisationen in mehr als 100 Ländern gewinnen, mit denen wir eng kooperieren und die auch untereinander regionale Netze bilden. Über Dialog, Beratung, Entwicklung von Programmen, Organisationsformen und Strategien sowie Qualifizierung von Fach- und Führungspersonal haben wir liberale Werte und Grundsätze zumindest in den politischen Diskurs eingebracht, wenn nicht gar in den politischen Systemen verankert. Damit haben wir ganz substantiell zur Demokratisierung und Transformation autoritärer politischer Systeme beigetragen und die staatliche Entwicklungszusammenarbeit und Außenpolitik der Bundesregierung flankiert. Wir blicken damit auf 50 Jahre erfolgreiche Auslandsarbeit unserer Stiftung. Und ich bin sehr stolz auf alle unsere Mitarbeiter, die diesen Erfolg engagiert und oft auch unter sehr harten Bedingungen erarbeitet haben.

Gab es auch Misserfolge, bzw. die Erkenntnis, dass die Stiftung in bestimmten Feldern oder bestimmten Ländern ihre Ziele nicht erreichen konnte?

Freiheit kann nicht verordnet oder gar aufgezwungen werden; Freiheit muss gelebt werden. Dies ist ausschließlich in einer toleranten Gesellschaft möglich, die ihr Umfeld und ihre Zukunft aktiv, selbstbestimmt und friedlich gestalten will. Den Prozess hin zu solchem bürgerschaftlichen Engagement, zu politischer Partizipation können wir nur begleiten und unterstützen. Wenn – zumeist autoritäre repressive – Regime oder mächtige Lobbygruppen aber ihre Interessen tangiert sehen, dann können diese über Statusänderungen und Restriktionen erwirken, dass wir uns nicht mehr in der Lage sehen, im Sinne unserer Ziele weiter zu arbeiten oder auch zum Wohle unserer Mitarbeiter und Partner unsere Aktivitäten einschränken oder uns aus einem Projekt vollständig zurückziehen. Durch solche Fehlschläge dürfen wir uns aber nicht entmutigen lassen – im Gegenteil: Es liegt dann in unserer Verantwortung, unsere Regierung zu mobilisieren, sich für diejenigen einzusetzen, die sich solchen Regimen nicht entziehen können.

Welche Bedeutung hat die Stiftungsarbeit in den Transformationsländern der Region MSOE aus Ihrer Sicht?

Die europäische Integration ist ein zutiefst liberales Projekt – es garantiert Freiheit, Frieden und Wohlstand; die Staaten der Region MSOE in diese ein- oder an Europa anzubinden, stand immer im Fokus unserer Arbeit – und sie war erfolgreich: Die Perspektive eines EU-Beitritts war, ist und bleibt dabei Motor für Reformen und regionale Zusammenarbeit der postkommunistischen Staaten und hat zum Beispiel, nachdem im Zuge des Staatszerfalls von Jugoslawien Krieg und Völkermord in den 1990er Jahren nach Europa zurückgekehrt waren, entscheidend zu Frieden und Stabilität auf dem Balkan beigetragen. Mittlerweile haben zehn, mit Kroatien in Kürze elf dieser Länder die Vollmitgliedschaft in der EU erworben; die wirtschaftliche Stärke machte Europa bis in den asiatischen Raum hinein attraktiv. Vor den aktuellen Herausforderungen muss sich die Europäische Union nun als Erfolgsmodell für die Zukunft beweisen; unsere Aufgabe wird dabei sein, das Vertrauen in Europa zu erhalten bzw. zurückzugewinnen.

Wie schätzen Sie die Zukunftsperspektiven für Freiheit in MSOE ein? Wächst Europa wirklich zusammen?

Um es mit den Worten Hans-Dietrich Genschers zu sagen: „Europa ist unsere Zukunft. Eine andere Zukunft haben wir nicht!“ Deshalb muss Europa weiter zusammenwachsen – indem es flexibel und anpassungsfähig auf die jeweils aktuellen Herausforderungen reagiert, keinesfalls durch falsch verstandene Solidarität, die den Einigungsprozess auf Dauer gefährdet. In der Region MSOE gibt es darüber hinaus zahlreiche Entwicklungen, die liberalen Werten und Grundsätzen zuwiderlaufen, wie um sich greifende Korruption, mangelnder Schutz von Minderheiten und fehlende Wirtschaftsfreiheit – solche Tendenzen gibt es immer wieder. Unsere Aufgabe ist, unseren Partnern vor Ort zu vermitteln, dass sie diesen entschieden entgegentreten müssen, wenn sie eine lebenswerte Perspektive für die Zukunft haben wollen. Und letztlich bleibt die europäische Integration ohne den westlichen Balkan unvollendet – doch hier gilt es, die Konflikte nicht in die EU zu importieren, sondern ein tolerantes Miteinander auf der Grundlage von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Volksgruppen als Voraussetzung für einen EU-Beitritt zu machen – einen Prozess, denn wir als liberale Stiftung unterstützen werden.

Haben Sie eine Vision für die kommenden 50 Jahre Auslandsarbeit der Stiftung? Was, hoffen Sie, sollte die Stiftung beim 100jährigen Jubiläum feiern können?

Es soll Menschen geben, die vom Weltfrieden träumen – ich halte es mehr für eine Utopie als eine Vision, dass wir diesen in 50 Jahren feiern können. Aber daran arbeiten sollten wir dennoch und uns weiter aktiv für Menschenrechte, Minderheitenschutz und mehr Toleranz einsetzen – und zwar kontinuierlich und wenn nötig auch in noch so kleinen Schritten. Dann werden wir zum 100. Jubiläum stolz darauf sein können, dass noch mehr Menschen ihr Leben in Frieden und Freiheit selbstbestimmt führen können, und zugleich wissen, dass wir gerade dort, wo Freiheit als verwirklicht gilt, sie weiterhin jeden Tag verteidigen müssen. Denn Freiheit wird auch in Zukunft nur dort Bestand haben, wo sie gelebt wird.

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